SHIRSHASANA UND ENTSPANNE DICH IN DEINE KLESHAS

Shirsha heisst Kopf und Asana Sitz oder Haltung. Wenn wir Shirshasana, den Kopfstand, ausüben, mögen wir bei uns eine der zwei folgenden Reaktionen bemerken: Entweder lehnen wir das Asana ab, bevor wir überhaupt damit begonnen haben es auszuüben. Oder wir wollen schnellstmöglich in die Position gelangen und überspringen die vorbereitenden Schritte. Beide Reaktionen – Ablehnung und Verlangen – sind gewohnheitmässige Reaktionen, die der Yoga zu den Kleshas zählt. Kleshas sind schmerzhafte Emotionen, sie geben uns das Gefühl, als wäre unser Geist ausser Kontrolle, als würden wir am Haken einer starken Emotion zappeln. Traditionell treten Kleshas hauptsächlich auf fünf Arten in Erscheinung: Unwissenheit oder Vorurteil, Leidenschaft oder Anhaftung, Ablehnung oder Aversion, Stolz oder Identifizierung und Furcht oder starke Unsicherheit. Wir alle haben schon Erfahrungen mit diesen Gefühlen gemacht und kennen die schmerzhafte Empfindung an ihnen festzuhaften; sie können uns förmlich lähmen.

Der erste Schritt mit den Kleshas umzugehen, ist sie wahrzunehmen wann immer sie auftauchen. Wir trainieren, unsere Gedanken nicht in „schlecht“ oder „gut“ einzuteilen, sondern auf mitfühlende Art und Weise anzuerkennen was ist. Mit Ehrlichkeit und Sanftheit erkennen wir an was geschieht. Auch wenn uns dies nicht immer gelingen mag, werden wir mit der Zeit entdecken, dass wir anders agieren können als wir es gewöhnlich tun. Wir müssen unseren verstrickten Emotionen nicht auf den Leim gehen und sie gewohnheitsmässig ausleben oder unterdrücken. Stattdessen bemerken wir, wenn wir fest werden und lassen los. Wenn wir unsere Kleshas nicht als schlecht bewerten und ihre Substanzlosigkeit sehen, können wir uns in sie hineinentspannen und sie verlieren ihre zerstörerische Kraft. Wir entdecken, dass sie voller Wachheit und Weisheit stecken.

Viel Glück!

SVARGA DVIJASANA UND „TAKE A FRESH START“

IMG_6434

In seiner äußeren Form erinnert das Asana an die Paradiesvogelblume, auch Königs-Strelizie oder Papageienblume genannt, die in diesem Asana nachgeahmt wird. In seiner inneren Bedeutung steht das Bild der Blume für Wachstum und Erneuerung. Während Svarga Himmel oder Paradies bedeutet, hat Dvija zwei Bedeutungen: zwei-mal-geboren oder auch Vogel. Vögel werden zwei mal geboren, zuerst als Ei und dann als Vogel.

„Take a fresh start“ ist ein Begriff aus der Meditationstradition. Damit ist der Moment gemeint, wenn man nach einer längeren Zeit des Sitzens eine Pause nimmt, um den Geist zu erfrischen, da er nicht länger das Objekt der Meditation halten kann. Der Wechsel von einem fokusierten Geist zu einem Geist ohne Fokus ist eine menschliche Notwendigkeit. Wir können nicht nur in jedem Moment frisch beginnen, sondern jeder Moment ist an sich frisch. Praktisch angewendet, hören wir mit dem auf, was wir gerade tun. Wir steigen aus, schauen wo wir gerade sind und beginnen wieder neu. Wir hören zum Beipsiel auf zu meditieren oder mit dem Arbeiten am Computer, verbinden uns erneut mit unserem Atem und bemerken die Lebendigkeit unseres Menschseins. Das ist ein Moment wie Frühlingsluft, die zum ersten mal durch das Fenster strömt oder wie eine Blume, die im Augenblick unserer Betrachtung ihre Blüten öffnet.

Viel Glück!

HERZÖFFNER UND „IN VERBINDUNG TRETEN“

_0410098208

In diesem Monat stehen Körperhaltungen im Fokus, die unseren Herz- und Schulterbereich öffnen. In diesem Körperbereich besteht häufig eine konditionierte Panzerung, eine Festigkeit, die uns förmlich erstarren lässt. Dabei fühlt sich unser Brustkorb eher wie ein „Kasten“ und weniger wie ein beweglicher „Korb“ an. Vielleicht haben wir auch das Gefühl, dass unser Herz eingesperrt ist. Das dynamische Zusammenspiel von Brustkorb und Atem ist verschwunden, der Atem ist flach und eingeengt. In solch einer Situation fällt es uns schwer, uns mit uns und unserem Fühlen wirklich zu verbinden. Das Sanskritwort Yoga heisst „Verbinden“, es bedeutet, in Beziehung mit etwas zu treten. Wenn wir uns mit der Welt und den Menschen in unserem Alltag verbinden wollen, beginnt dies stets bei uns selbst. Wenn wir uns selbst fühlen, können wir auch andere fühlen und mit ihnen und unserer Welt in Kontakt treten. Durch seitliche Dehnungen, Drehungen und insbesondere durch Rückbeugen machen wir unseren Brustkorb beweglicher, lösen Spannungen auf und treten in eine authentische Verbindung mit uns selbst und anderen.

Viel Glück!

Parivritta Ardha Chandrasana und „Sei eine leere Tasse“

15894820_10208215752646600_5779809290076340636_n

Parivritta bedeutet gedreht, Ardha halb, Chandra ist der Mond und Asana der Sitz oder die Körperhaltung.

Der Halbmond (Ardha Chandrasana) sowie sein Zwilling, der gedrehte Halbmond (Parivritta Ardha Chandrasana), stehen für die Mitte zwischen Fülle und Leere des Mondes. Beide Haltungen erfordern eine stabile Erdung im Standbein sowie eine Leichtigkeit im Oberkörper. Was benötigen wir außerdem für das Ausüben des gedrehten Halbmondes? Können wir unsere Neugierde einsetzen beim Erforschen dieser komplexen Standhaltung? Am Anfang eines neuen Jahres sowie in jedem einzelnen Moment im Verlauf des Jahres haben wir die Möglichkeit, neu und frisch an die Dinge heranzugehen. „Des Anfängers Geist hat viele Möglichkeiten, der des Experten nur wenige“, sagt der Zen-Mönch Suzuki Roshi. Folgende klassische Geschichte beschreibt mit anderen Worten den Anfängergeist:

Ein Professor ging zu einem Zen-Mönch, um Belehrungen zu erhalten. Er stellte sich mit all seinen akademischen Titeln vor und bat den Mönch um Belehrung. Der Mönch fragte: „Möchtest du etwas Tee trinken?“ Der Professor: „Ja, gerne“. Daraufhin schenkte der Mönch dem Professor Tee ein. Die Tasse war voll, aber der alte Mönch schenkte weiter ein, bis der Tee überfloss und über den Tisch auf den Boden tropfte. Der Professor sagte: „Stop, sehen Sie nicht, dass die Tasse bereits voll ist? Es geht nichts mehr hinein.“ Der Mönch antwortete: „Genau wie diese Tasse sind auch Sie voll von Ihrem Wissen und Ihren Meinungen. Um Neues zu lernen, müssen Sie erst ihre Tasse leeren.“

Viel Glück!

Shirshasana und be a yogi be on time

_2967843161

Die Qualität unserer Beziehungen zu anderen sind die Früchte unserer Yogapraxis. In diesem Zusammenhang ist es nicht wichtig, wie hoch wir unser Bein bekommen, wie tief wir in eine Rückbeuge gehen oder wie lange wir auf unserem Kopf stehen können. Vor diesem Hintergrund thematisieren wir in diesem Monat das Gewahrsein, die Wertschätzung und den Respekt füreinander.
Die Asana des Monats ist Shirshasana. Shirsha bedeutet Kopf und Asana bedeutet Haltung oder Sitz. Obwohl der Kopfstand zu den bekanntesten und wichtigsten Asanas im Yoga zählt, fehlt uns manchmal das Wissen oder auch das Vertrauen in diese Umkehrhaltung. Wir widmen uns Shirshasana mit der Absicht, mehr Verständnis, Vertrauen und Achtsamkeit zu gewinnen. Dabei gestaltet die Organisation, wie wir in diese anspruchsvolle Haltung gehen und wie wir unseren Praxisplatz organisieren, den Rahmen unserer Praxis.
Jede Yogastunde braucht einen geschützten Raum, einen Ort, wo wir uns aufgehoben und sicher fühlen. Wenn so ein „Container“, ein Mandala, kreiert wird, kann sich Sicherheit und Vertrauen zeigen. Schon der Moment des Betretens eines Yogastudios gibt uns die Möglichkeit, Achtsamkeit uns selbst und anderen gegenüber zu kultivieren. Wir gönnen uns den Luxus, rechtzeitig anzukommen: be a yogi be on time. So haben wir genug Zeit, um Geschäftliches abzuschließen, uns umzuziehen, unsere Matte auszurollen und Hilfsmittel zu organisieren. Wir kommen an unserem Platz und bei uns selber an.
Letztendlich öffnen wir unser Herz durch Yoga mehr und mehr. In dieser Ruhe und Klarheit gelingt auch ein Asana wie Shirshasana leichter.

Viel Glück!

MEDITATIONSANLEITUNG

MEDITATIONSANLEITUNG FÜR JEDERMANN

Shamatha oder die Achtsamkeitsmeditation ist eine sehr organische, grundlegende Praxis. Sie basiert darauf, den Moment wahrzunehmen, in dem sich unsere Aufmerksamkeit mit unserer gegenwärtigen Situation verbindet. Es geht darum, diese einfache Art der Aufmerksamkeit bewusst zu kultivieren. Körper und Geist werden dadurch in Einklang gebracht. Wir beginnen uns weniger zerstreut und wacher mit unserer Umwelt auseinanderzusetzen.

Um die „Shamatha“-Meditation als formale Meditationspraxis auszuführen, gibt es drei Schritte:

1. DEN SITZ EINNEHMEN
Wir beginnen indem wir unseren Meditationssitz einnehmen. Wir sitzen in der Regel in einer stabilen Haltung mit gekreuzten Beinen auf einem Kissen am Boden. Wir nehmen eine bequeme Haltung ein und spüren eine gute Verbindung zwischen Gesäß und Kissen – wir sollten uns geerdet und stabil fühlen. Als nächstes legen wir die Hände einfach auf die Oberschenkel oder Knie, je nachdem, wie lang die Arme sind.

Oberkörper, Kopf und Schultern sollten aufrecht, aber entspannt sein. Das Kinn ist ein wenig in Richtung Brust eingezogen. Die Haltung sollte sich würdevoll und erhebend anfühlen, aber nicht steif oder angespannt.

Falls wir aus irgendeinem Grund Schwierigkeiten haben im Schneidersitz zu sitzen, können wir eine kniende Haltung einnehmen oder uns einfach aufrecht auf einen Stuhl setzen. Alle Hilfsmittel wie z.B. Kissen können wir nutzen, um so bequem wie möglich zu sitzen. Der Rücken soll möglichst gerade sein und nicht an eine Wand oder an die Rückseite eines Stuhls angelehnt werden. Wir sprechen von „nicht zu fest und nicht zu locker“, dieses Prinzip ist eine gute Leitlinie für die Meditationspraxis.

Wenn wir so sitzen entsteht ein Gefühl der Geschlossenheit, des Ankommens in der Haltung und der Reduzierung der Aktivität. Wir prüfen dann, ob der Kiefer entspannt ist, der Mund kann dabei entweder leicht geschlossen oder leicht geöffnet sein. Die Augen sind offen, der Blick ist weich, nach unten gerichtet und ruht etwa 1,5 m bis 2 m vor uns am Boden. Wir blenden unser Gewahrsein gegenüber dem uns umgebenden Raum nicht aus. Wir können den Fokus etwas entspannen.

2. DIE AUFMERKSAMKEIT AUF DEN ATEM RICHTEN
Nachdem wir auf diese Weise den Körper zentriert haben, richten wir unsere Achtsamkeit auf den Atem. Wir beobachten wie wir ein- und ausatmen. Wir atmen ganz natürlich und wenden kein Pranayama oder eine andere Atemtechnik an. Unsere Achtsamkeit verbindet sich mit unserem Atem. Auch hier wollen wir eine Leichtigkeit bewahren, statt zu angestrengt oder überkonzentriert zu werden. Unsere Achtsamkeit richtet sich ganz entspannt auf das Ein- und Ausatmen.

Wann immer wir mit der Achtsamkeit abschweifen (unsere Gedanken wandern zu unserem Partner, zur bevorstehenden Arbeitswoche oder zu einem Stück Schokolade), kehren wir mit unserer Aufmerksamkeit einfach zum Atem zurück, ohne jede Art von Urteil, Kommentar oder Wertung. Wir holen die Achtsamkeit einfach zurück.

3. EINFACH ZURÜCK KOMMEN
Wenn wir feststellen, dass wir denken, erkennen wir dies einfach an und kommen zurück. Wir bemerken, dass die Aufmerksamkeit gewandert ist, nehmen den Moment des Loslassens der Gedanken wahr. Wir fühlen den Moment des Loslassens, nehmen die Lücke, die Pause wahr und kommen sanft und freundlich zurück zum Atem. So wie wir ein kleines Kind an die Hand nehmen würden und es wieder zurück bringen.

Falls wir uns bei längerem Sitzen unbequem fühlen oder wenn ein Fuß eingeschlafen ist, kann es hilfreich sein, die Füße aufzustellen oder ein Bein auszustrecken und die Praxis so fortzusetzen. Wir können jederzeit wieder von vorne beginnen.

Dies ist eine allgemeine Einführung in die Technik der Shamatha- oder Achtsamkeitsmeditation. Es ist in Ordnung mit kurzen Sitzperioden anzufangen. Vielleicht sitzen wir jeden zweiten Tag für 10-15 Minuten. Von hier kann man seine tägliche Praxis zeitlich ausbauen, für so lange es sich richtig anfühlt. Auf dem weiteren Weg kann es hilfreich sein, mit einem Lehrer oder einer Lehrerin zu arbeiten. Das Meditieren in der Gruppe kann ebenfalls nützlich sein und Kontext, Struktur und Unterstützung für die Praxis bieten.

CHÖGYAM TRUNGPA RINPOCHE

Chögyam Trungpa Rinpoche, Lehrer der Kagyü und Nyingma Linien des tibetischen Buddhismus, ist der Gründer des Shambhala Buddhismus.

Geboren in Tibet in 1939, wurde Trungpa Rinpoche in sehr jungen Jahren als Tülku, ein reinkarnierter Lehrer, erkannt und entsprechend erzogen und ausgebildet. 1959 musste er aus Tibet fliehen und begann vier Jahre später an der Oxford Universität in England zu studieren. Von da an bis zu seinem Tod in 1987, hat er ohne Unterlass daran gearbeitet, die lebendigen Lehren von Meditation in der westlichen Welt zu unterrichten. Dabei hat er einige große Meditations-Landzentren gegründet, hunderte von Stadtzentren sowie die Naropa Universität in Boulder, USA.
Er ist der Autor von vielen Büchern zu Buddhismus & Spiritualität, die heute insbesondere dafür bekannt sind, dass sie die essentiellen Weisheiten der buddhistischen Lehren in einer leicht zugänglichen und praktischen Weise für westliche Leser vermitteln.

SARAH POWERS

Sarah unterrichtet seit 1987. Sie ist die Gründerin von „Insight Yoga“. Insight Yoga verbindet Yoga, Buddhismus, Taoismus sowie transpersonale Psychologie. Ihre Herangehensweise verbindet Yang- sowie Yin Yoga, beeinflusst von Ashtanga Yoga, Vini-Yoga, Iyengar Yoga sowie Chi Gong. Die Meditation ist von der Vipassana sowie der Dzogchen-Traditionslinie inspiriert.