Gherandasana und Neugier

Gheranda ist der Name eines indischen Weisen, Asana heißt Haltung, Sitz oder zu sitzen mit etwas. Die Körperhaltung Gherandasana ist eine Kombination aus dem Bogen (Dhanurasana) und dem Frosch (Bhekasana). Während Arm und Bein der einen Körperhälfte den Bogen einnimmt, befinden sich Arm und Bein der anderen Körperhälfte im Frosch. Diese Kombination ist eine Herausforderung für unser Gehirn und erfordert Neugier.

Der koreanische Zenmeister Seung Sahn sagt seinen Schülern immer „Einfach nie wissen“ und meint ein Praktizieren mit Unvereingenommenheit und einem gewissen Forschergeist. Wenn wir mit zu viel Hartnäckigkeit üben, sind wir nicht wirklich präsent. Wenn wir dagegen mit einem frischen Anfängergeist und Interesse praktizieren, erfahren wir eine geistige Klarheit. Mit dieser Offenheit können wir direkt sehen, was vor unserer Nase ist und angemessen agieren. Mut hilft uns, bei einem etwas zittrigen und verletzlichem Gefühl von Neugier zu bleiben. Wenn wir diese Unsicherheit und Neugierde reiten, entsteht als nächstes eine neue Art von Gewissheit und Vertrauen.

Viel Glück!

Open your Wings and Fly

Um die Mitte in uns zu finden, verbinden wir in unserer Yogapraxis zwei Qualitäten: Anstrengung und Entspannung. Beide Qualitäten wollen wir mental sowie körperlich auf der Matte, auf dem Kissen und letztendlich auch in unserem Leben kultivieren. Dies bezeichnen wir als den Mittleren Weg. Er ist etwas sehr persönliches und ist immer wieder anders.

Schulteröffner, Armbalancen und Umkehrhaltungen dienen uns in unserer Yogapraxis als Werkzeuge, um die Mitte aus Stabilität und Mobilität in unserem Oberkörper zu finden. Als körperliche Basis dienen uns dabei Arme und Schultern. Die Schulter ist ein komplexes und sehr bewegliches Gelenk. Ihre Mobilität gibt uns die Möglichkeit zu agieren und uns auszudrücken.

Schultern und Arme stehen für Kommunikation und Freiheit. Da es im Yoga immer um Integrität geht, benötigen wir sowohl Mobilität in den Schultergelenken und den Armen als auch Stabilität im Schultergürtel. Wenn wir in der Mitte ruhen – das heisst wenn wir die Stabilität aus unserem Zentrum in die Freiheit der Peripherie ausdehnen – lernen wir unsere Flügel zu öffnen und beginnen zu fliegen.

Viel Glück!

„Willst du die rechte Wachsamkeit aufrechterhalten, dann darf dein Geist weder zu angestrengt noch zu entspannt sein, genauso wie die Seite der Vina“. Kalu Rinpoche

Garudasana und Furchtlosigkeit

Der Garuda ist ein mythisches Tier, halb Mensch, halb Vogel. Ähnlich wie Superman, Batman oder Pippi Langstrumpf zählt der Garuda zur Gruppe der Superhelden oder Superfreunden. Der Garuda steht für bestimmte Qualitäten, die uns in unserer Praxis sowie in unserem Alltag inspirieren können.

Wenn wir uns am Beispiel des Garuda orientieren, beschäftigen wir uns nicht mit dem typischen Rotkehlchen aus dem Hinterhof wie Lodro Rinzler, ein Meditationslehrer einmal meinte. Vom Garuda wird gesagt, dass er im All geboren wurde und sofort fliegen konnte. Da er seinen Atem reitet, wird er nie müde und muss deshalb nie landen. Er überfliegt die Welt und nimmt seiner Umwelt gegenüber dadurch eine Vogelperspektive ein. Können wir beim Praktizieren von Garudasana einen weiten Geist haben, obwohl die Arme sich direkt vor uns befinden und wir somit einen eingeschränkten Blick haben? Eine wichtige Qualität des Garuda ist Furchtlosigkeit. Das bedeutet, dass wir mit der Furcht arbeiten, wann auch immer sie auftaucht. Furcht zeigt sich manchmal als Nervosität, als Hoffnung oder auch als Schüchternheit vor einer bestimmten Situation. Dabei geht es nicht im geringsten darum, diese Angst loszuwerden, sondern sie sanft als Werkzeug auf unserem Weg zu mehr Wachheit einzusetzen. Dies mag beim Üben von Garudasana bedeuten, das Wackeln und Zittern unserer arbeitenden Beine wahrzunehmen oder den Mut zu besitzen, ganz präsent bei unserem Atem zu verweilen. Ganz und gar wachsam zu sein ist etwas Ungewöhnliches, gar Unerhörtes. Erlaube deinen Flügeln sich in Garudasana weit aufzuspannen, reite deinen Atem und geniesse einen wachen erhebenden Flug.

Viel Glück!

Füsse und Standhaftigkeit

Eines der ersten Dinge, die wir lernen, wenn wir mit dem Yoga beginnen, ist das Wiedererlernen wie man steht. Ein hilfreiches Bild dafür ist, sich den Körper als einen Baum vorzustellen. Ein Baum zieht Wasser, Mineralien und Nährstoffe aus der Erde in den Stamm, die Äste und die Blätter. Genau so nähren und unterstützen Zehen und Füsse die Dynamik und Vitalität unseres Körpers. Alles beginnt am Grund, auf der Erde, und gibt Impulse auf den restlichen Körper ab.

Wenn wir in der Yogapraxis mit unserer Aufmerksamkeit stets wieder zurück zu unseren Füssen kommen, entwickeln wir dadurch nicht nur eine körperliche, sondern auch eine mentale und emotionale Standhaftigkeit. Dies geschieht, indem wir immer wieder zur Dynamik, zum ständigen Anpassen und Austarieren unserer Füsse zurückkommen. Diese Standhaftigkeit kann schliesslich in eine Loyalität gegenüber der stets dynamischen Erfahrung des Lebens insgesamt gesehen werden.

Viel Glück!

Der kopflose Kopfstand – Jeder Teilaspekt einer Haltung ist immer noch die Haltung

Das Asana des Monats Dezember ist eine Variante des Kopfstands. Der „kopflose Kopfstand“ ist wie der volle Kopfstand (Shirshasana), nur dass der Kopf dabei nicht den Boden berührt – „ohne Kopf“. In dieser Haltung arbeiten die Muskeln des Schultergürtels und der Arme als seien wir in der vollen Haltung. Die Halswirbelsäule wird nicht belastet. Wir kommen kraftvoll und sicher in den „kopflosen Kopfstand“.

Falls der volle Kopfstand Teil deines Yoga-Repertoires ist, kannst du die volle Haltung einnehmen. Falls nicht, musst du dich nicht als „Yoga-Looser“ fühlen. Der kopflose Kopfstand ist nicht nur eine ideale Variante, sondern auch eine sinnvolle Vorbereitung. In jedem Teilaspekt einer Haltung ist immer die volle Haltung enthalten. Es gibt immer einen Pfad vor uns – wo wir hin wollen – wie auch einen Pfad hinter uns – worauf wir aufbauen und jederzeit wieder zurück gehen können. Zurück gehen bedeutet hier nicht Rückschritt, sondern ist Ausdruck einer intelligenten, fortgeschrittenen und vollwertigen Yogapraxis.

Viel Glück!

Urdhva Dhanurasana und Gleichmut

Urdhva bedeutet nach oben oder aufwärts, Dhanu ist ein Bogen. In Urdhva Dhanurasana, manchmal auch Rad genannt, wird der Körper wie ein Bogen nach oben gespannt.

Eine Tendenz in unserem Leben, und damit auch in unserer Asanapraxis, ist dass wir immer wieder unsere Integrität verlieren: wir arbeiten zu viel, wir schlafen zu wenig, wir essen zu viel, wir vergessen, an andere zu denken. Unsere Aufmerksamkeit fokusiert sich auf einen Punkt und dabei vergessen wir, den größeren Zusammenhang zu sehen. Wir verlieren unsere Integrität und geraten dadurch aus dem Gleichgewicht.

In einer Rückbeuge wie Urdhva Dhanurasana mag es beispielsweise vorkommen, dass wir eine starke Empfindung in unserem unteren Rücken spüren. Unsere ganze Aufmerksamkeit geht zu diesem einen Punkt. Dabei könnte uns Gleichmut helfen, unsere Aufmerksamkeit auf die gesamte Wirbelsäule zu verteilen und somit Ebenmässigkeit zu kultivieren. Gleichmut bedeutet, bei allen Erfahrungen, egal ob angenehm oder unangenehm, präsent zu bleiben, ohne in Extreme zu verfallen. Manchmal wird Gleichmut mit Gleichgültigkeit verwechselt – das würde aber bedeuten, dass uns die Dinge egal sind. Gleichmut dagegen bedeutet das Nicht-Reagieren auf den steten Wandel unserer Erfahrungen, was zu mehr Freiheit in unserem Leben führt.

Viel Glück!

Chaturanga Dandasana und Übergänge

Chatur bedeutet vier, anga Glied oder Teil, und Danda heißt Stock oder Stab. Wenn wir den Sonnengruss ausüben, ist Chaturanga Dandasana eine klassische Übergangsposition, ein sogenanntes Vinyasa. Vom Nach unten gerichteten Hund bewegen wir uns ins Brett über das Chaturanga Dandasana in den Nach oben gerichteten Hund und von dort wieder zurück in den Nach unten gerichteten Hund. Wir gleiten in eine Position, verweilen kurz und lösen sie wieder auf.

Ein Vinyasa ist ein Abbild der zyklischen Übergänge des Lebens. Unser Leben besteht aus einem ständigen Hineingleiten und Auflösen, es besteht mehr aus Übergängen als aus einzelnen Stationen oder Höhepunkten. Die Übergänge sind genauso interessant und wertvoll wie die einzelnen Stationen und Positionen. Der Sommer löst sich in den Herbst auf, die Einatmung wird vom Ausatem abgelöst. Wenn wir bewußt wahrnehmen, daß eines fließend ins nächste übergeht, verstehen wir, wie umfassend wir mit allem verbunden sind und wie kostbar jeder einzelne Augenblick ist.

Viel Glück!

Upavishtha-Konasana und Ishvara Pranidhana

Upavishta bedeutet sitzen, Kona ein Winkel und asana Sitz oder zu sitzen mit. Ishvara Pranidhana wird meist mit Hingabe übersetzt.

Ishvara Pranidhana ist Teil der Niyamas, der zweiten Stufe des achtgliedrigen Yoga-Pfades. Diesen hat Patanjali vor über 2000 Jahren im Yogasutra, einer Art Yoga-Leitfaden bestehend aus 195 Sanskrit-Versen, beschrieben.

Ishvara Pranidhana meint nicht, sich einer äußeren Macht hilflos ausgeliefert zu fühlen, sondern über Hingabe, wieder Vertrauen in den Fluss des Lebens zu finden. Mit dieser Sichtweise hat der Yoga etwas mit Gärtnern gemeinsam. Als Gärtnerin jäten wir Unkraut, setzen Samen und wässern und pflegen die Planzen. Wir selbst können die Blume nicht wirklich zum blühen bringen, und das Gras wächst auch nicht schneller, wenn wir daran ziehen. Als Gärtnerin können wir aber die idealen Bedingungen und Umstände schaffen, dass dies geschehen kann. Im Yoga ist es ähnlich. Es ist nicht so, dass wir urplötzlich unsere Hüften öffnen oder eine sehr komplexe Armbalance ausführen können. Aber es ist uns möglich, durch eine regelmässige Praxis, Veränderungen wahrzunehmen und uns dem Ergebnis hinzugeben. Ishvara Pranidhana schenkt uns Geduld, die Früchte der Handlungen voller Vertrauen zu empfangen.

„Surrender is the simple but profound wisdom of yielding to rather than opposing the flow of life.“ – Eckhart Tolle

Viel Glück!

Triang-Mukhaikapada-Pashchimottanasana und Smriti

Trianga bedeutet drei Teile: die Füße, die Knie und das Gesäß. Mukhaikapada setzt sich aus den drei Wörtern Mukha Gesicht, Eka eins und Pada Bein oder Fuß zusammen und bedeutet, dass das Gesicht das ausgestreckte Bein berührt. Pashchimottanasana ist eine intensive Dehnung unserer gesamten Körperrückseite. Das Sanskritwort für Achtsamkeit ist Smriti, was so viel wie „sich erinnern“ bedeutet.

In einem komplexen Asana wie Triang-Mukhaikapada-Pashchimottanasana, genauso wie in einer komplexen Alltagssituation, mag es vorkommen, dass wir all zu schnell einer mentalen Ablenkung folgen. Wir denken vielleicht „Oh je, ich bin ja überhaupt nicht flexibel“, „Mir ist zu warm“, „Vielleicht sollte ich es einmal mit Golf probieren“ oder was auch immer. In der Achtsamkeitspraxis entwickeln wir die Fähigkeit, bei unserer Absicht zu verweilen. Wir erinnern uns, Ablenkungen loszulassen wenn sie uns überwältigen und trainieren das Zurückkommen in den jeweiligen Moment. Achtsamkeit bedeutet nicht einfach nur alles wahrzunehmen was ist, achtsam sein ist eine pro-aktive Handlung. Wir kutivieren eine neue gesunde Gewohnheit: die Gewohnheit im jeweiligen Moment zu verweilen, während wir gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit von Ablenkungen abziehen. Von dieser neuen Gewohnheit können wir in einfachen und komplexen Situationen in der Yogapraxis sowie im Alltag profitieren.

Viel Glück!

Ushtrasana und Tugenden

Das Sanskritwort Ushtra bedeutet Kamel und Asana bedeutet Sitz oder „zu sitzen mit“. Ein Kamel kniet nieder, um sich von der Last des Gepäcks oder der Personen auf seinem Rücken zu befreien. Wenn wir uns in Ushtrasana im Kniestand nach hinten lehnen, können wir das Bild von der Erleicherung und Wohltat des Kamels aufgreifen, als würden wir eine Last von unseren Schultern nehmen.

Dabei können uns yogische Tugenden wie Ahimsa, Abhaya und Satya unterstützen: Ahimsa, das Nichtanwenden von Gewalt, lässt uns Freundlichkeit uns selbst gegenüber kultivieren, wodurch wir achtsam und sorgsam in die Haltung gehen. Abhaya oder Furchtlosigkeit gibt uns die Zuversicht, dass wir uns überhaupt trauen, diese Haltung einzunehmen. Satya, was soviel wie Ehrlichkeit oder Wahrhaftigkeit bedeutet, lässt uns klar und deutlich unsere Möglichkeiten sowie gleichzeitig unsere Begrenzungen sehen.

Jede dieser Tugenden ist eine Erinnerung an unsere natürliche Gutheit, in die wir uns mehr und mehr hineinentspannen.

Viel Glück!